Wir Verschwörungstheoretiker


Keine Frage: es gibt Verschwörungen. Viele haben Catilina, den Idealtypus des Verschwörers, in der Lateinstunde kennengelernt. Aber es genügt auch die Erinnerung an Richard Nixon in der Watergate-Affäre. Die geheimen Absprachen der Mächtigen in den Hinterzimmern, das verborgene Wirken der Geheimdienste und auch alle Formen von Geheimdiplomatie wecken in uns den Verdacht der Verschwörung.

Im Regelfall haben wir nur Wissen über gescheiterte Verschwörungen. Und ihr Scheitern – das hat Machiavelli schon in seinen «Discorsi» bemerkt – ist durchaus wahrscheinlich, denn wenn sich mehr als eine Handvoll Menschen zu einer Untat verschwört, wächst die Gefahr der Whistleblower exponentiell. Daraus folgt aber natürlich nicht, dass Verschwörungen nicht gelingen können. Wir wissen dann nur nichts über sie. Die perfekte Verschwörung bleibt genauso unsichtbar wie der perfekte Mord.

Es gibt aber nicht nur böse, sondern auch gute Verschwörungen. Die Deutschen klammern sich in ihrer Suche nach der verlorenen Identität an die «Verschwörer des 20. Juli», und heute lobt man weltweit die gutorganisierten Aktivisten gegen die angebliche «Klimakatastrophe». Dennoch bleibt der Begriff negativ konnotiert. Oder man vermeidet ihn ganz und spricht lieber von konspirativen Treffen oder gar der «Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung».

Auf der Seite der Besonnenen

Verschwörungen grösseren Ausmasses zu organisieren, scheint also sehr schwierig zu sein. Sehr viel leichter ist es, Verschwörungstheorien in Umlauf zu setzen. Die «Protokolle der Weisen von Zion», ein auch heute in faschistischen und islamischen Kreisen noch gerne gelesenes «Dokument» über die «jüdische Weltverschwörung», ist wohl das berühmteste Beispiel. Und in der Tat kann man den Antisemitismus des Nationalsozialismus als gigantische Verschwörungstheorie interpretieren. Doch ob wir es mit Leninismus, Faschismus oder Islamismus zu tun haben: Das Projekt, die Welt zu verändern oder gar die Weltherrschaft zu ergreifen, funktioniert nur, wenn Verschwörungstheorien die Massen ergreifen.

Angesichts dessen ist es nicht überraschend, dass «Verschwörungstheoretiker» zu einem erfolgreichen Totschlagbegriff geworden ist. Das Wort funktioniert heute wie das Wort «Rechtspopulist» – damit stigmatisiert man abweichende Meinungen und bringt sie zum Schweigen. Es sind diffamierende Namen für Kritik geworden, mit denen man oppositionelle Stimmen pathologisiert. Wer etwa befürchtet, dass der Staat «wegen Corona» das Bargeld abschaffen, staatliche Apps verbindlich machen oder Eurobonds durchdrücken will, wird die volle Wucht dieser Totschlagbegriffe zu spüren bekommen.

In einem Tweet hat der Verleger Oliver Gorus die Vermutung riskiert, dass heute Verschwörungspraktiker gegen Verschwörungstheoretiker polemisieren. Man könnte es auch so sagen: Die meisten Kritiker der Verschwörungstheoretiker sind selber welche. Das zeigt sich nämlich immer dann, wenn Verschwörungstheorien ins Weltbild des politisch-medialen Mainstream passen. Besonders deutlich wird das im sogenannten Kampf gegen rechts, in den sich ein nachträglicher Antifaschismus sehr medienwirksam hineinfantasiert hat. Auch dass die Amerikaner Donald Trump zum Präsidenten gewählt und die Briten sich für den Brexit entschieden haben, obwohl die journalistischen Oberlehrer aller Länder ihnen das Gegenteil eingebläut hatten, lässt dann nur eine Erklärung zu: Russische Hacker und Trolle haben das Internet als Manipulationsmaschine missbraucht und mit Fake News den Geist der armen Wähler verwirrt. Und daraus folgt dann: Zensiert die sozialen Medien, um die Vernunft zu retten!

Die alarmistischen Kritiker der Verschwörungstheoretiker, die heute in den Medien dominieren, möchten also den Eindruck erwecken, auf der einen Seite stünden die Spinner und Fanatiker, auf der anderen die besonnen und rational entscheidenden Politiker, die dem Rat der analytischen Wissenschaft folgen. Hier ist die Corona-Krise ein Fall von aufdringlicher Deutlichkeit. Den Politikern ist es natürlich sehr recht, dass man sie im Lager der wissenschaftlichen Rationalität sieht, denn das lenkt von den Geheimnissen der Macht ab. In Wahrheit gibt es aber kaum unverträglichere Milieus als die von Wissenschaft und Politik. Die Wissenschaft sollte analytisch arbeiten und in ihren Theorien falsifizierbar, das heisst, für Kritik und Zweifel offen sein. Die Politik dagegen muss entscheiden – und wehe dem Politiker, der Zweifel an seinen eigenen Entscheidungen zeigt.

Wem nützt es?
Doch wie steht es mit der Rationalität der Wissenschaften? Die politisch-mediale Diffamierung der Verschwörungstheoretiker hat einen deutlichen Tabuisierungseffekt. Verschwörungstheorien gelten heute so sehr als unwissenschaftlich, ja anti-wissenschaftlich, dass die meisten Wissenschaftler zögern, Verschwörungen zum Thema zu machen. Aber dafür gibt es wohl auch noch einen zweiten Grund: Wissenschaftliche Theorie und Verschwörungstheorie sind sich ähnlicher, als es unserem aufgeklärten Selbstverständnis lieb ist.

Wenn Psychologen die Attraktivität von Verschwörungstheorien erklären sollen, weisen sie stets darauf hin, dass sie die Komplexität der Welt reduzieren, den Menschen also ein gut übersichtliches Weltbild anbieten. Das ist natürlich richtig. Aber diese Erklärung übersieht, dass eine Reduktion von Komplexität in unserem Verhältnis zur Welt unvermeidlich ist. Wir können die Sinneseindrücke der Wirklichkeit, das Alltagsleben und die Ereignisse der Geschichte nicht im Verhältnis eins zu eins verarbeiten. Das meiste müssen wir ignorieren, um einiges weniges genauer unterscheiden und bestimmen zu können. Und das gilt gerade auch für die Wissenschaftler.

Sobald der Wissenschaftler nicht nur Daten sammelt, bildet er Hypothesen, die sich allmählich zu Theorien kristallisieren. Und dann wird er dem Verschwörungstheoretiker sehr ähnlich: Unter der Oberfläche der Erscheinungen sind wirksame Mächte am Werk; nichts ist, wie es scheint. Wenn es sich dann um gesellschaftliche Zusammenhänge handelt, fragt man nach dem Drahtzieher – jemand steckt dahinter. Um ihm auf die Spur zu kommen, drängt sich Ciceros Frage auf: «Cui bono?», wem zum Vorteil? Wer hat einen Nutzen davon? Offenbar ist es genau diese Frage, die durch die diffamierende Kritik an den Verschwörungstheoretikern tabuisiert werden soll. Und wer das ausspricht, muss damit rechnen, ihnen zugerechnet zu werden.

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