Der Abgrund, den man nicht sehen wollte

Es gibt Verbrechen, die erschüttern eine Gesellschaft, weil sie plötzlich und unerwartet über sie hereinbrechen. Und es gibt Verbrechen, die eine Gesellschaft noch viel tiefer entlarven, weil sie nicht trotz, sondern wegen des Wissens der Verantwortlichen geschehen konnten. Die aktuellen Enthüllungen aus Großbritannien gehören zweifellos in die zweite Kategorie. Dort missbrauchten muslimisch-pakistanische Gangs jahrzehntelang Hunderttausende Mädchen - und zwar mit dem Wissen von Behörden und Polizei, deren größte Sorge wohl darin Bestand, sie könnten »rassistisch« genannt zu werden.

Denn das eigentlich Erschütternde an den Berichten über die sogenannten Grooming Gangs ist nicht allein die schiere Zahl der Opfer, nicht allein die Grausamkeit der Taten und nicht einmal die Tatsache, dass sich diese Verbrechen über Jahrzehnte hinweg ereigneten. Das eigentlich Erschütternde ist die Erkenntnis, dass unzählige Menschen in Behörden, Verwaltungen, Jugendämtern, Polizeidienststellen und politischen Institutionen längst wussten, was geschah, und dennoch einen Weg fanden, sich einzureden, dass Wegsehen die bessere Alternative sei.

Wenn wir uns vorstellen, unmittelbar neben uns würde sich ein gewaltiger Abgrund auftun und eine Schulklasse darin verschwinden, würden wir erwarten, dass die Menschen schreien, helfen, alarmieren und alles daransetzen, eine Wiederholung zu verhindern. Niemand würde schweigend nach Hause gehen und am nächsten Morgen so tun, als wäre nichts geschehen. Niemand würde erklären, man müsse die Angelegenheit differenziert betrachten oder dürfe bestimmte Fragen nicht stellen. Niemand würde empfehlen, die Öffentlichkeit besser nicht zu beunruhigen.

Und doch scheint genau das geschehen zu sein.

Über Jahre hinweg berichteten Opfer von Missbrauch, Vergewaltigung, Einschüchterung und Gewalt. Eltern schlugen Alarm. Einzelne Sozialarbeiter versuchten, Gehör zu finden. Polizeibeamte warnten intern vor den Strukturen. Die Muster waren erkennbar, die Tätergruppen vielfach bekannt und die Opfer oftmals sogar namentlich registriert. Dennoch setzte sich nicht die Logik des Schutzes der Schwachen durch, sondern die Logik der politischen Vorsicht.

Horror, den man nicht vergessen darf

Wer die aktuellen Berichte liest, versteht schnell, warum viele Menschen instinktiv wegsehen wollen.

Eine Überlebende berichtet, sie sei gemeinsam mit fünfzehn bis zwanzig weiteren Mädchen in Hundekäfigen im Laderaum eines Transporters eingesperrt worden. Anschließend hätten Männer Hunde in den Wagen gebracht und Wetten darüber abgeschlossen, ob die Tiere die Mädchen vergewaltigen würden. Das Opfer schildert, wie sie festgehalten und gezwungen wurde, einem der Täter dabei in die Augen zu schauen.

Andere Überlebende berichten davon, Nacht für Nacht an Dutzende Männer weitergereicht worden zu sein. Die zumeist minderjährigen Opfer erzählen von Schlägen, Würgegriffen, Vergewaltigungen und Folter, die sie gefügig machen sollten. Einige sprechen von hunderten Tätern, denen sie über Jahre hinweg ausgeliefert waren.

Der Missbrauch war dabei keineswegs zufällig oder spontan. Die Mädchen wurden systematisch angeworben, kontrolliert und zwischen verschiedenen Städten und Bezirken verschoben. Was sich hier offenbart, ist keine Aneinanderreihung einzelner Straftaten, sondern eine organisierte Struktur, die über lange Zeiträume funktionieren konnte, weil Täter darauf vertrauen durften, dass ihnen niemand ernsthaft in den Weg treten würde.

Und genau an diesem Punkt wird die Geschichte unerträglich.

Denn die eigentliche Frage lautet nicht mehr, wie einzelne Täter zu solchen Verbrechen fähig waren. Die Menschheitsgeschichte kennt genügend Beispiele für Grausamkeit, um darüber nicht überrascht zu sein.

Die eigentliche Frage lautet vielmehr, wie eine moderne Gesellschaft, ausgestattet mit Polizei, Gerichten, Jugendämtern, Sozialbehörden und einer allgegenwärtigen Medienlandschaft, zulassen konnte, dass sich ein derartiges System über Jahrzehnte hinweg entfaltet.

Political Correctness kills

Je mehr Dokumente, Berichte und Zeugenaussagen ans Licht kommen, desto deutlicher wird ein Befund, der beinahe unfassbar erscheint: Die Angst vieler Verantwortlicher, als rassistisch oder islamfeindlich bezeichnet zu werden, war größer als ihre Angst davor, Mädchen schutzlos ihren Peinigern zu überlassen. Das eigentliche Versagen bestand also nicht in mangelndem Wissen, sondern in mangelndem Mut.

Damit berühren wir einen der verhängnisvollsten Irrtümer westlicher Gesellschaften der letzten Jahrzehnte. Man begann zu glauben, dass die Benennung von Problemen gefährlicher sei als die Probleme selbst. Man fürchtete die politische Debatte mehr als das Verbrechen. Man fürchtete Schlagzeilen mehr als Opfer. Man fürchtete den Vorwurf der Intoleranz mehr als die Folgen der eigenen Untätigkeit.

Eine Gesellschaft kann viele Fehler überstehen. Sie kann wirtschaftliche Krisen überstehen, politische Fehlentscheidungen korrigieren und selbst schwere soziale Spannungen bewältigen. Was sie jedoch auf Dauer nicht überlebt, ist die Gewohnheit, die Wahrheit dem Zeitgeist zu opfern. Denn sobald die Ehrlichkeit über die Wirklichkeit durch die Angst vor moralischer Missbilligung ersetzt wird, verlieren Institutionen ihre Fähigkeit, überhaupt noch auf Gefahren zu reagieren.

Besonders bemerkenswert ist dabei die Hierarchie der Empörung, die sich in vielen westlichen Ländern etabliert hat. Für manche Themen werden innerhalb weniger Stunden Demonstrationen organisiert, Sondersendungen produziert und Solidaritätskampagnen gestartet. Ganze Nachrichtentage können von einzelnen Vorfällen dominiert werden, wenn sie in das gewünschte politische Narrativ passen. Bei den Verbrechen in Großbritannien hingegen herrschte über lange Strecken eine auffällige Zurückhaltung, als wolle man die Geschichte möglichst geräuschlos behandeln und hoffen, dass sie bald wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet.

Vielleicht liegt der Grund dafür darin, dass diese Ereignisse eine unangenehme Wahrheit offenlegen. Sie zeigen nämlich, dass Menschen nicht immer an dem scheitern, was sie nicht wissen, sondern häufig an dem, was sie längst wissen und nicht wahrhaben wollen. Der Mensch besitzt eine erstaunliche Fähigkeit, die Realität auszublenden, wenn sie seinem Weltbild widerspricht. Er verdrängt, relativiert, beschwichtigt und lenkt sich ab, bis aus der Ausnahme Gewohnheit und aus dem Skandal Normalität geworden ist.

Gerade deshalb besitzt diese Geschichte auch eine geistliche Dimension. Das Christentum fordert den Menschen nicht zuerst dazu auf, sich wohlzufühlen oder gesellschaftlich akzeptiert zu sein. Es fordert ihn auf, wahrhaftig zu sein. Wahrheit ist keine politische Kategorie. Wahrheit fragt nicht nach Parteibüchern, Ideologien oder Milieus. Sie fragt allein danach, was ist.

Deshalb gehört es zu den christlichen Grundpflichten, den Schwachen beizustehen, den Wehrlosen Schutz zu gewähren und die Wahrheit auch dann auszusprechen, wenn sie unbequem ist. Wer aus Angst vor den Reaktionen seiner Umgebung schweigt, wenn Unrecht geschieht, macht sich nicht automatisch zum Täter. Aber er hilft dabei, dass Täter weitermachen können.

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus Großbritannien. Nicht nur, dass das Böse existiert. Das wusste die Menschheit schon immer. Die eigentliche Lehre besteht darin, wie leicht ganze Institutionen lernen können, mit dem Bösen zu leben, solange dessen Existenz politisch unbequem ist.

Der Apostel Paulus schreibt an die Epheser:

„Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit den Mächten und Gewalten, mit den Beherrschern dieser Welt der Finsternis.“

(Epheser 6,12)

Der erste Schritt, diesen Kampf zu bestehen, besteht darin, die Augen offen zu halten. Denn der Abgrund, in den man zu lange blickt, mag zurückblicken. Der Abgrund aber, dessen Existenz man leugnet, wird irgendwann groß genug, um ganze Gesellschaften zu verschlingen.


Quelle der Studie: therapeganginquiry.org

Kommentare