C-Impfung: Verheerende Kosten-Nutzen-Bilanz

 Gastbeitrag von Professor Paul Cullen

Der am 30. Juni 2022 erschienene Bericht des Sachverständigenausschusses zur Evaluation der Rechtsgrundlagen und Maßnahmen der Pandemiepolitik ist eine Blamage für die Politik. Obwohl der Ausschuss bemüht war, Kernelemente des offiziellen Corona-Narratives nicht anzuzweifeln, kam er doch nicht umhin, auf schwere Defizite hinzuweisen: Weder sei die Evaluation der Maßnahmen begleitend erfolgt, was deren Auswertung erheblich erschwerte, noch habe der Ausschuss genügend Zeit und Personal gehabt, um seinem Auftrag gerecht zu werden. Die Wirksamkeit von Schulschließungen sei weiterhin „offen“, die von Masken „nicht zu beurteilen“, eine generelle FFP2-Empfehlung „aus den Daten nicht ableitbar“. Dass der Ausschuss weiterhin eine Maskenpflicht in „Innenräumen und Orte mit einem höheren Infektionsrisiko“ in Betracht zog, bezeichnete René Schlott in der Wochenzeitung „Freitag“ als „Formelkompromiss“ sowie als „Entgegenkommen an die spezifisch deutsche Maskenobsession, die unsere Nachbarländer nicht kennen“. In Anbetracht der leichten Übertragbarkeit der Omikron-Variante bei Geimpften sei die Teststrategie „zu erforschen“. Auch die Wirkung der diskriminierenden 2G-Zugangsbeschränkungen sei „eher gering“ gewesen. Der Bericht zieht das erstaunliche Fazit, dass „ein Zusammenhang zwischen der Höhe der Inzidenz und der Maßnahmenstärke [insgesamt] nicht erkennbar [ist]“.

Wissenschaftlicher Analphabetismus

Befürworter einer strikten Coronapolitik zogen daraus den entgegengesetzten Schluss. Der Bericht habe schließlich auch keine Beweise dafür geliefert, dass die Maßnahmen nicht gewirkt hätten: „Absence of evidence is not evidence of absence“, verkündeten sowohl der Gesundheitssprecher der Grünen, Janosch Dahmen, als auch die Physikerin Viola Priesemann, Mitglied des „ExpertInnenrats“ der Bundesregierung, auf Twitter. Solche Tweets zeugen nicht nur von wissenschaftlichem Analphabetismus – die Nicht-Beweisbarkeit eines Negativums gilt als Binse –, sondern auch von einer demokratischen Lese-/Schreibschwäche. Liegt doch die Beweislast für die Wirksamkeit einer Maßnahme allein bei ihren Befürwortern und keinesfalls bei ihren Gegnern. Zudem bedürfen ungewöhnlich strenge Maßnahmen ungewöhnlich strenge Beweise, die im Falle von Corona laut dem Bericht aber fehlen.

Ferner nahm der Bericht Kollateralschäden wie die Situation der Kinder in den Blick. Demnach haben 2021 psychische Schäden wie emotionale Störungen, Suchtmittelmissbrauch, Depressionen und Essstörungen im Vergleich zu 2020 erheblich zugenommen. Bei Grundschulkindern häuften sich Störungen der Entwicklung, der sozialen Funktion und des Sprechens. Dazu passen auch neue Daten des Universitätsklinikums Essen, wonach die Anzahl der Selbstmordversuche bei Kindern 2021 (hochgerechnet 500 Fälle) etwa dreimal höher war als 2019 (167 Fälle) und 2020 (125 Fälle).

Folgen für die Kinder

Neben dieser Lawine an psychischen Erkrankungen war die Wirkung der „Maßnahmen“ auch für die Bildung der Kinder katastrophal. Der Bildungsbericht 2022 zeigt, dass als Folge der monatelangen Schulschließungen die Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen in Grundschulklassen dramatisch gesunken sind. Auch der kürzlich erschienene Bildungstrend 2021 zeigte einen signifikanten Anstieg bei den Kindern, die nach der vierten Klasse die Mindeststandards weiterführender Schulen verfehlen. Zudem hätten sich die „sozialen und zuwanderungsbezogenen Disparitäten“ verstärkt. Besonders hart betroffen waren ohnehin Benachteiligte. So meldete der Paritätische Armutsbericht 2022 mit 17 Prozent einen neuen Höchststand für die Armutsquote in Deutschland. „Noch nie hat sich die Armut in jüngerer Zeit so rasant ausgebreitet wie während der Pandemie“, kommentierte Ulrich Schneider vom Paritätischen Gesamtverband.

Zur Erinnerung: Kinder waren nie Treiber der Pandemie, nur selten Corona-krank und mit wenigen schweren Verläufen und kaum Todesfällen belastet, die fast ausnahmslos bereits Schwerkranke betrafen. Hier haben wir einen Zustand, bei dem junge Schutzbedürftige, unser aller Zukunft, zum Wohle älterer Erwachsener nicht nur sehenden Auges, sondern mutwillig geopfert wurden. Die kaum messbare Schuld, die hier die Älteren auf sich geladen haben – ein Signum heidnischer Gesellschaften aber ein Novum in unserer –, wird über Generationen abgetragen werden müssen.

Anzahl der Corona-Toten

Von den Maßstäben zur Beurteilung des Schweregrads einer Erkrankung ist die Gesamtsterblichkeit epidemiologisch am prägnantesten und am schwierigsten zu fälschen. Laut den offiziellen Daten sind sechs Prozent der vom Anfang März 2020 bis Ende Juni 2022 2,3 Millionen in Deutschland gestorbenen Menschen „an oder mit“ Corona verstorben (140 000: davon 33 000 in 2020; 80 000 in 2021 und bisher 27 000 in 2022). Dennoch: eine Übersterblichkeit gab es 2020 nicht, wohl aber nach der Einführung der Impfung sowohl in 2021 als auch in 2022.

Auffällig ist jedoch, dass die Anzahl der Corona-Toten nach Einführung der Impfung nicht ab-, sondern zugenommen hat, eine Situation, die sich auch in der Zunahme der Coronafälle widerspiegelt (2020: 1,7 Mio. Fälle, 2021: 5,5 Mio. und 2022, allein bis zum 11. Juli: 21,8 Mio.). Das heißt: In den ersten sechs Monaten dieses Jahres, nachdem 76 Prozent der Bevölkerung (und bei den über 60jährigen fast jeder) mindestens zwei Impfdosen erhalten haben, ist die Corona-Inzidenz mehr als 100mal höher, als vor der Impfung. „Noch nie so viele Personalausfälle durch Covid“ lautete eine Artikelüberschrift in der „Süddeutschen Zeitung“ im Juli 2022, in dem ein coronabedingter Personalmangel auf Deutschlands Intensivstationen beklagt wurde. Bei einer Gruppe also, für die aufgrund der Impfpflicht im Gesundheitswesen eine hohe Impfquote angenommen werden muss.

Höheres Risiko Geimpfter

„Ohne die Impfung wäre alles viel schlimmer gewesen“, mag mancher da sagen. Doch Daten aus Israel, aus England und wohl auch aus Deutschland (bis Mai 2022, als das Robert Koch Institut die Veröffentlichung der Impfeffektivität eingestellt hat) zeigen genau das Gegenteil. So ist das Risiko geimpfter Personen, sich mit Corona anzustecken, zwei bis fünfmal höher als das von nicht Geimpften. Dabei hat sich gezeigt, dass die natürliche Immunität nach einer COVID-19-Infektion wesentlich robuster ist als nach Impfung und jahrelang anhält, im Gegensatz zu einigen Wochen nach der Impfung. Ferner gilt: Bei jeder Infektion sind Geimpfte zudem mindestens genauso ansteckend wie nicht Geimpfte.

Im Bericht vom 31. März 2022 des Paul-Ehrlich-Institut wurde von 2 810 Verdachtstodesfälle in Zusammenhang mit der COVID-19-Impfung berichtet. Da bis zu diesem Zeitpunkt etwa 177 Mio. Impfdosen verabreicht wurden, entspricht dies einem Verdachtstodesfall pro 63 000 Impfdosen, oder etwa einem Fall pro 21 000 „vollständigen“ („geboosterten“) Impfungen. Vor Corona musste man lediglich mit einem Verdachtstodesfall auf 3,5 Mio. verabreichte Impfdosen rechnen. Damit ist das Verdachtstodesfallrisiko bei vollständig Corona-Geimpften etwa 150mal höher als bei allen anderen in Deutschland verfügbaren Impfstoffen. Selbst diese Zahl mag zu gering sein, denn Daten der Betriebskrankenkasse BKK und neuerdings auch der Techniker Krankenkasse sowie eine Online-Untersuchung von der Charité legen nahe, dass zwischen 80 und 95 Prozent der schweren Nebenwirkungen nicht gemeldet werden.

Mittelschwere Influenza

Anfang April 2020 wurde ich um eine Einschätzung von „Corona“ gebeten. Auch ich hatte die Bilder der Särge in Bergamo (die teilweise, wie sich später herausstellte, in Wirklichkeit aus Lampedusa im Jahr 2013 stammten) gesehen. Dennoch habe ich Folgendes bereits nach etwa sechs Wochen des „Pandemiegeschehens“ schreiben können: „Wir haben bisher ca. 1 000 Infizierte in unserem Labor gefunden. Über die Hälfte hatten keine, etwa ein Drittel milde Beschwerden und nur einer von zehn war richtig krank im Sinne einer schweren Grippe. Nur drei sind bisher verstorben: alle sehr alte Menschen mit schweren Vorerkrankungen. Ungefähr gleich viel mussten auf die Intensivstation. Meine Kollegen aus … ganz Deutschland haben ähnliche Erfahrungen gemacht ... Zieht man in Betracht, dass es eine erhebliche Dunkelziffer an nicht getesteten Infizierten geben wird … so ist diese Erkrankung insgesamt bei einer mittelschweren Influenza anzusiedeln. Es gibt die schweren Fälle, aber diese sind die große Ausnahme.“ Schließlich habe ich vorgeschlagen, alle Betriebe aufzumachen, Ausgangssperren und Reisebeschränkungen aufheben, und Versammlungen und Veranstaltungen wieder normal zu erlauben. Die Bevölkerung sollte man beruhigen, habe ich gesagt, nicht aufwiegeln. Dies konnte ich anhand alltäglicher Erfahrung und Lektüre öffentlich zugänglicher Quellen schreiben.

Inzwischen haben die Erfahrung in Deutschland und der Vergleich mit Schweden gezeigt, dass ich Recht behalten habe. Dass immer noch behauptet wird, die Maßnahmen inklusive der Impfung hätten gewirkt und „Schlimmeres verhindert“ entspringt dem „post hoc ergo propter hoc“-Fehlschluss, bei dem das konsekutive Auftreten zweier Ereignisse irrigerweise als Kausalzusammenhang verstanden wird.

Metaanalyse der Johns-Hopkins-Universität

Auch wenn dies kontraintuitiv erscheinen mag, war die Wirkung der Interventionen nicht statistisch signifikant, wie sorgfältige Metaanalyse der Johns-Hopkins-Universität bereits im Januar 2021 bestätigte. Vor dem Hintergrund dieser nicht nachweisbaren, wahrscheinlich fehlenden Wirksamkeit der Maßnahmen kann ihre Kosten-Nutzen-Bilanz nur als verheerend bezeichnet werden. In gesellschaftlichen Konflikten wird für gewöhnlich nach Kompromissen gesucht. Bei „Corona“ ist eine solche Lösung nicht möglich, denn inzwischen ist die empirische Faktenlage, die Wirklichkeit sozusagen, klar. Im Grunde war sie dies von Anfang an. Um die amerikanisch-russische Schriftstellerin Ayn Rand zu paraphrasieren: „Die Wirklichkeit können Sie ignorieren, aber das, was dann passiert, werden Sie nicht mehr ignorieren können.“ Wollen wir hoffen, dass es uns gemeinsam gelingt, bald zur Vernunft zurückkehren und weitere Schäden an Land und Leuten abzuwenden.

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