Hamburg: Wenn Verantwortung verschwindet

Manchmal geschieht etwas, das einen nicht sofort erreicht. Nicht, weil es unwichtig wäre, sondern weil es in der täglichen Flut aus Nachrichten, Ablenkungen und bewusst gesetzten Schweigeminuten untergeht. Der Tod der 18-jährigen Fatemeh gehört zu diesen Ereignissen. Eine junge Frau, aus dem Leben gerissen, brutal, sinnlos – und doch beinahe geräuschlos aus dem öffentlichen Bewusstsein gedrängt.

Dass dieser Fall vielen kaum bekannt ist, hat nichts mit fehlender Tragik zu tun, sondern mit einer bitteren Realität unserer medialen und politischen Ordnung: Sichtbarkeit ist selektiv geworden. Nicht jedes Opfer zählt gleich. Nicht jede Tat wird gleich benannt. Und nicht jede Verantwortung wird gleich konsequent eingefordert.

Fatemeh war 18 Jahre alt. Sie war jung, sichtbar unauffällig, keine Projektionsfläche für Narrative. Sie trug kein Kopftuch, war keine Symbolfigur, keine Schlagzeile mit politischem Mehrwert. Sie hätte die Tochter von jedem sein können. Gerade deshalb wäre es Aufgabe eines Staates gewesen, sie zu schützen – und Aufgabe einer Öffentlichkeit, nicht wegzusehen.

Ein Täter, den man kannte

Der mutmaßliche Täter, Ariob Moses A., war den Behörden - mal wieder - bekannt. Nicht vage, nicht beiläufig, sondern wiederholt und konkret. Aggressives Verhalten, Gewalt, Anzeigen, Angriffe auf Vollstreckungsbeamte – alles dokumentiert. Nichts davon führte zu Konsequenzen, die diesen Mord verhindert hätten.

Und genau hier beginnt das eigentliche Versagen. Denn dieser Mann war nicht einfach „da“. Er kam im Rahmen eines humanitären Resettlement-Programms nach Deutschland, ausgewählt von der UNHCR, übernommen ohne eigenes Asylverfahren, ausgestattet mit Aufenthaltsstatus und Vertrauen – einem Vertrauen, das sich als tödlich fehlgeleitet erwies.

Dass Menschen Schutz brauchen, ist unbestritten. Dass Schutzprogramme Leben retten können, ebenfalls. Aber was hier sichtbar wird, ist eine Asylpraxis, die Verantwortung delegiert, Prüfungen aussetzt und Risiken externalisiert – auf die Gesellschaft, auf unbeteiligte Bürger, auf junge Frauen wie Fatime.

Humanität ohne Kontrolle ist keine Tugend

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob man helfen will. Die Frage lautet, wie man hilft – und wem man dabei welche Risiken zumutet. Ein Staat, der Menschen aufnimmt, ohne verlässlich zu wissen, wer sie sind, woher sie kommen, wie alt sie sind und welches Verhalten sie bereits gezeigt haben, handelt nicht humanitär, sondern fahrlässig.

Wenn Geburtsdaten geschätzt werden, weil keine Dokumente existieren, wenn Gewaltakte ignoriert oder relativiert werden, wenn bekannte Risiken nicht zu Konsequenzen führen, dann ist das keine Willkommenskultur mehr, sondern eine organisierte Verantwortungslosigkeit.

Und diese Verantwortungslosigkeit endet nicht bei Behördenakten. Sie setzt sich fort im politischen Schweigen.

Das Schweigen der Politik

Dass ein solcher Fall im öffentlich-rechtlichen Rundfunk kaum stattfindet, während Nebensächlichkeiten zur Hauptsache erklärt werden, ist kein Zufall. Es ist Ausdruck eines Narrativschutzes, der wichtiger geworden ist als Aufklärung. Noch verstörender ist jedoch das Schweigen jener Politiker, die sonst bei jedem Anlass moralische Führung reklamieren.

Wer vor Wahlen klare Worte findet, aber bei konkreten Toten verstummt, offenbart nicht Besonnenheit, sondern Feigheit. Man hätte diesen Fall thematisieren können – sachlich, würdevoll, ohne Pauschalisierungen. Man hätte sagen können: Auch Migranten sind Opfer einer falschen Politik. Man hätte sagen können: Schutz darf nicht blind sein. Man tat es nicht.

Symptome bekämpfen, Ursachen tabuisiert

Stattdessen wird weiter über Bahnsteigabstände, Glaswände und Sicherheitshinweise gesprochen, als ließe sich ein strukturelles Problem durch bauliche Maßnahmen lösen. Man rüstet Bahnhöfe zu Hochsicherheitszonen auf, während man die politische Ursache unangetastet lässt.

Das Ergebnis ist ein Land, das sich immer weiter verbarrikadiert, ohne den Mut aufzubringen, seine eigene Politik zu hinterfragen. Eine Gesellschaft, die Symptome eindämmt, aber die Ursachen nicht benennen darf, bewegt sich nicht in Richtung Sicherheit, sondern in Richtung Selbsttäuschung.

Ein Leben, das zählt

Fatemeh ist tot. Nicht als Statistik, nicht als Einzelfall, nicht als Randnotiz. Sie war ein Mensch. Und ihr Tod ist nicht nur das Ergebnis einer einzelnen Tat, sondern das Produkt eines Systems, das Warnungen ignoriert, Verantwortung verwässert und Kritik moralisch delegitimiert.

Wenn wir aus solchen Fällen nichts lernen wollen, wenn wir sie relativieren oder verschweigen, dann werden sie sich wiederholen. Nicht aus Zufall, sondern aus Konsequenz.

Und das wäre das eigentliche Versagen.

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