Strom aus. Licht aus. Narrative an.
Das Jahr 2026 beginnt – zumindest für viele Berliner – nicht mit Feuerwerk, sondern mit Finsternis. Eine Hochhaussiedlung, stockdunkel. Ampeln tot. Treppenhäuser ohne Licht. Kühlschränke, Heizungen, Alarmanlagen: aus. Laut dem geschilderten Ablauf soll ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke über einen Kanal der Auslöser gewesen sein – und für eine Weile ist Berlin nicht Metropole, sondern Versuchsanordnung.
Es ist eine merkwürdige Erfahrung, wenn eine moderne Stadt schlagartig wieder lernt, wie dünn der Lack ist. Du merkst plötzlich: Unsere Zivilisation ist kein Naturzustand. Sie ist eine Kette. Und Ketten reißen an ihrem schwächsten Glied.
„Militante Neujahrsgrüße“: Wenn Ideologie zur Zange greift
Besonders verstörend ist an solchen Taten nicht nur das Ergebnis, sondern die Begründung, die oft nachgeliefert wird wie eine moralische Gebrauchsanweisung. In der Vorlage taucht ein Bekennerton auf, der sich selbst als „Notwehr“ etikettiert, als „Solidarität“, als „Schutz des Lebens“ – und gleichzeitig billigend in Kauf nimmt, dass zehntausende Menschen in die Kälte gedrückt werden.
Das ist das Muster: Man macht aus Sabotage eine Tugend und aus Kollateralschäden eine Fußnote. Und man entschuldigt sich nicht bei den Schwächsten, sondern sortiert sie – in „Mitleid“ und „kein Mitleid“. Das ist keine Ethik. Das ist Klassenkampf-Romantik mit Kabelbrandgeruch.
Wer Wärme bekommt – und wer „zu Freunden gehen“ soll
In Krisen zeigt sich nicht nur Infrastruktur, sondern Prioritätensetzung. Und diese Prioritäten sind politisch – selbst wenn man sie als Verwaltungshandeln tarnt. In der Vorlage steht sinngemäß: Evakuierungen laufen, Notunterkünfte werden organisiert, und gleichzeitig hören andere Bürger Durchsagen wie: Schaut, ob ihr bei Freunden oder Verwandten unterkommt. Nutzt das Handy sparsam. Denkt an Bedürftige. Das ist an sich vernünftig – aber als Gesamtbild wirkt es wie ein doppelter Boden: Manche werden aktiv „gerettet“, andere werden zur Selbsthilfe delegiert. Als wäre der Staat zweigeteilt: hier Kümmern, dort Empfehlungen.
Man muss dafür nicht in Zynismus flüchten. Es reicht, die Frage zu stellen: Wer wird als Schutzobjekt behandelt – und wer als Verfügungsmasse?
Der Krisenmanager spielt Tennis
Es gibt Sätze, die klingen wie Satire, sind aber Protokoll. Wenn in einer Großstadt zehntausende Haushalte ohne Strom sitzen und der politische Kopf der Stadt zwischendurch Tennis spielt, dann ist das nicht automatisch ein Skandal – aber es ist ein Symbol. Nicht, weil ein Mensch niemals Luft holen dürfte. Sondern weil Führung in Krisen vor allem eines ist: Glaubwürdigkeit.
Wer „alles im Griff“ sagen will, muss sichtbar im Griff sein. Sonst entsteht das, was jede Krise zusätzlich füttert: das Gefühl, dass oben jemand in einer anderen Wirklichkeit lebt als unten im Dunkeln.
Dunkelheit zieht nicht nur Kälte an, sondern Gelegenheit
Die Vorlage erwähnt Einbrüche, Versuche, Auskundschaften, Verdachtslagen, einen versuchten Geldautomaten-Coup. Ob jedes Detail im Nachhinein standhält, ist nicht einmal der entscheidende Punkt. Entscheidend ist das Klima, das entsteht, wenn Licht fehlt: Sicherheitsgefühl wird zur Kerze, und Kerzen sind endlich. Eine Stadt im Blackout ist nicht automatisch Gesetzlosigkeit – aber sie ist ein Stresstest. Für Polizei, für Nachbarschaften, für Vertrauen. Und Vertrauen ist schwer zu reparieren, wenn es einmal Risse hat.
Die zweite Front: Wie man aus Terror ein Ablenkungsfeuer macht
Kaum passiert so etwas, beginnt die nächste, sehr deutsche Disziplin: Narrativbau. Wer war’s? Wer profitiert? Wer kann wem was anhängen?
In der Vorlage wird genau das beschrieben: Statt erst einmal nüchtern festzuhalten, dass es einen Angriff auf kritische Infrastruktur gab, wird sofort eine Alternativgeschichte gereicht – vorzugsweise eine, die in bereits gelernte Feindbilder passt. Russland. „False Flag“. Oppositionsanfragen als „Hinweis“. Ein Rechtschreibfehler als Geopolitik.
Das ist die psychologische Funktion solcher Erzählungen: Sie ersparen uns die unangenehme Realität, dass Extremismus nicht nur ein Problem „der anderen“ ist. Und dass manche Taten nicht in das vertraute Raster passen, in dem „Gefahr“ immer von derselben Seite kommen muss.
Wer Deutungshoheit besitzt, besitzt Schutz. Und wer Schutz besitzt, kann vermeiden, dass die Gesellschaft eine einfache Frage stellt: Wie groß ist das Problem wirklich – und wer verharmlost es seit Jahren?
Preppen: erst „schwurbelig“, dann plötzlich „vernünftig“
Ein besonders bitterer Teil der Vorlage ist der Medien-Spagat: Vorsorge wird gern als spleenig, anrüchig oder politisch verdächtig verkauft – bis genau der Fall eintritt, vor dem Leute vorsorgen wollten. Dann heißt es auf einmal: ein paar Vorräte seien „smart“ und würden sogar empfohlen.
Das Problem ist nicht die Empfehlung. Das Problem ist die Moralkeule, die vorher geschwungen wurde: Nicht der Inhalt („Sei vorbereitet“) war unerwünscht, sondern das Gefühl, das damit verbunden ist: Misstrauen gegenüber einer Lage, die man politisch lieber als „unter Kontrolle“ verkauft.
Dabei ist Vorsorge kein Extremismus. Vorsorge ist Zivilisationskompetenz.
Fazit: Man muss nicht alles kompliziert machen, um klug zu wirken
Am Ende bleibt – bei allem Streit um Namen, Gruppen, Zuschreibungen – eine nüchterne Feststellung: Ein Angriff auf kritische Infrastruktur trifft nicht „die Herrschenden“. Er trifft zuerst die normalen Leute. Er trifft die, die im fünften Stock ohne Fahrstuhl sitzen. Die, die Medikamente kühlen müssen. Die, die Angst bekommen, wenn draußen alles dunkel ist. Und die, die am nächsten Tag trotzdem zur Arbeit sollen.
Und dann kommt die zweite Wahrheit: Wenn nach so einer Tat mehr Energie in die Umdeutung fließt als in die Aufklärung, dann ist das selbst ein Symptom.
Nicht nur von Polarisierung, sondern von einer politischen Kultur, die lieber Feindbilder füttert, als Probleme auszuhalten, die im eigenen Milieu entstehen.
Vielleicht ist das die härteste Lektion dieses Beginns von 2026: Nicht jede Krise kommt von außen. Und nicht jede Lüge ist laut – manche ist einfach nur bequem.

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