Wenn dort Mut sichtbar – und hier das Gewissen leise wird
Das Unrecht im Iran begann nicht gestern.
Es begann nicht mit den letzten Demonstrationen, nicht mit den jüngsten Hinrichtungen, nicht mit den Videos junger Frauen, die ihr Kopftuch ablegen und dafür mit dem Leben bezahlen.
Seit Jahrzehnten lebt dieses Land unter einem System, das Gott für sich reklamiert – und den Menschen systematisch entwürdigt. Seit der islamischen Revolution von 1979 hat sich eine Theokratie etabliert, die Macht mit Frömmigkeit verwechselt und Gewalt mit göttlichem Auftrag tarnt. Opposition gilt als Sünde, Zweifel als Verrat, Freiheit als Bedrohung.
Generationen sind in diesem Klima aufgewachsen. Generationen haben gelernt, leise zu sein. Viele haben gelernt, zu fliehen. Andere haben gelernt, zu leiden.
Was wir heute sehen, ist kein plötzlicher Ausbruch, sondern ein Aufbegehren, das lange gereift ist. Ein Ruf nach Würde, der sich nicht mehr unterdrücken lässt. Frauen und Männer, die sich nicht mehr damit abfinden wollen, dass ihr Leben, ihr Körper, ihr Gewissen einem religiösen Machtapparat gehören.
Und gerade weil dieses Unrecht so lange andauert, wiegt das Schweigen darüber so schwer.
Gerade weil es kein neues Unrecht ist, sondern ein beharrliches, ein strukturelles, ein systematisches, ist Wegsehen keine Unwissenheit mehr – sondern Entscheidung.
Wenn Frauen das Kopftuch ablegen, ist das keine Geste der Provokation, sondern ein öffentlicher Akt der Würde. Jugendliche tanzen, sprechen, widersprechen – und verschwinden. Andere werden verhaftet, gefoltert, hingerichtet. Das sind keine Bilder für ferne Chroniken. Das geschieht jetzt. Und während dort Mut sichtbar wird, geschieht hier etwas anderes: Schweigen.
Schweigen ist eine Entscheidung
Schweigen ist niemals neutral. Es ist nicht bloß das Fehlen einer Stellungnahme, sondern eine Haltung. Denn wer schweigt, wenn Unrecht geschieht, entzieht dem Leidenden nicht nur Aufmerksamkeit – sondern Gemeinschaft. Der christliche Glaube misst Moral nicht an politischer Zweckmäßigkeit, sondern am Menschen. An seinem Leben. An seiner unveräußerlichen Würde. „Was ihr dem Geringsten getan habt …“ ist kein poetischer Satz, sondern ein Maßstab. Darum wiegt das Schweigen gegenüber dem Iran so schwer.
Die merkwürdige Asymmetrie der Empörung
In westlichen Großstädten haben wir uns an einen Rhythmus der moralischen Mobilisierung gewöhnt. Bestimmte Themen genügen, und innerhalb von Stunden entstehen Demonstrationen, Banner, Parolen, Hashtags. Profile werden umdekoriert, Gewissheiten verteilt, Schuldige benannt. Wenn es um Israel und Gaza geht, funktioniert diese Maschinerie zuverlässig. Wenn es um den Iran geht, stockt sie.
Dabei fehlt es weder an Bildern noch an Berichten. Es fehlt nicht an Grausamkeit, nicht an Unterdrückung, nicht an Opfern. Es fehlt allein an der Bereitschaft, diesen Opfern dieselbe moralische Dringlichkeit zuzugestehen.
Das ist kein Zufall.
Eine alte Verlegenheit
Auffällig ist zudem, wer in diesem Zusammenhang zuverlässig schweigt. Aus weiten Teilen der politischen und kulturellen Linken kommt keine erkennbare Kritik am iranischen Regime. Ausgerechnet jene Milieus, die das Kopftuch regelmäßig zum Symbol weiblicher Selbstbestimmung erklären, die den demokratischen Rechtsstaat Israel mit moralischer Vehemenz delegitimieren und sich demonstrativ mit palästinensischen Akteuren solidarisieren, vermeiden jede klare Positionierung gegenüber den Mullahs in Teheran.
Dieses Schweigen folgt keiner Unkenntnis, sondern einer ideologischen Logik. Das iranische Regime gilt als erklärter Gegner Israels und der Vereinigten Staaten – und wird damit implizit zum geopolitischen Verbündeten jener Strömungen, deren Weltbild primär entlang antiwestlicher Koordinaten organisiert ist. Zudem gilt islamische Revolution von 1979 den Linken vielerorts als antiimperialistischer Akt, als Auflehnung gegen den Westen, gegen Amerika, gegen „das System“.Dass es sich bei den Machthabern um autoritäre, religiös-repressive und in zentralen Punkten offen frauenfeindliche Eliten handelt, tritt dabei in den Hintergrund. Normative Maßstäbe werden nicht aufgegeben, sondern selektiv angewandt.
Auch die deutsche Politik hat diese Blindstellen lange kultiviert. Wenn führende Repräsentanten des Staates dem Regime in Teheran offiziell zum Jahrestag seiner Machtübernahme gratulieren (Steinmeier) oder wenn prominente Vertreterinnen grüner Kulturpolitik demonstrativ den Schulterschluss suchen (Roth), markiert das keinen Ausrutscher, sondern einen Tiefpunkt politischer Urteilsfähigkeit. Es ist die Konsequenz einer Haltung, die Unterdrückung relativiert, solange sie nicht vom „falschen“ Akteur ausgeht.
So erklärt sich, warum Luftangriffe in Nahost binnen Minuten moralisch einsortiert werden, während öffentliche Hinrichtungen im Iran zu Randnotizen verkommen. Nicht, weil sie weniger grausam wären – sondern weil sie die falschen Täter haben.
Sichtbar nur, wenn es passt
Besonders auffällig ist das Schweigen jener Gruppen, die sonst jede Form von Unsichtbarkeit beklagen. Frauen, die erschossen werden, weil sie sichtbar sind, passen offenbar nicht in das eigene Raster. Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung inhaftiert oder hingerichtet werden, ebenfalls nicht – sofern der Täterstaat nicht ins gewohnte Feindbild fällt.
Wo Menschen im Iran für Freiheit eintreten, wo Frauen ihre Würde verteidigen, wo Jugendliche ihr Leben riskieren, brauchen sie Aufmerksamkeit, Solidarität, Gebet – und eine Stimme.
Der unbequeme Kontext
Hinzu kommt ein struktureller Faktor, der selten benannt wird: Der Iran ist schiitisch geprägt; in großen Teilen der sunnitischen Welt gelten Schiiten bis heute als Abweichler vom „rechten“ Glauben. Diese theologischen Differenzen sind historisch gewachsen, politisch aufgeladen und gesellschaftlich wirksam.
Sie beeinflussen Wahrnehmung, Prioritätensetzung und öffentliche Reaktionen. Leid wird nicht universal wahrgenommen, sondern gefiltert entlang konfessioneller, politischer und strategischer Linien.
Das erklärt manches. Rechtfertigt aber nichts.
Was Schweigen bedeutet
Schweigen schützt in solchen Situationen nicht die Unterdrückten. Es entlastet die Täter. Und es signalisiert, dass Menschenrechte offenbar verhandelbar sind – abhängig von Geografie, Ideologie und politischem Nutzen.
Der Iran ist deshalb mehr als ein weiteres Krisenland. Er ist ein Prüfstein. Nicht für die Menschen dort – die haben ihren Mut längst bewiesen. Sondern für uns.
Wer laut ruft, wenn es ins eigene Weltbild passt, und leise wird, wenn es unbequem wird, hat kein moralisches Problem erkannt – sondern offenbart eines.
Freiheit ist entweder unteilbar. Oder sie ist kein Wert, sondern ein Schlagwort.


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