Fake News mit Gütesiegel: Der „Masterplan“, der nie existierte
Es war ein Skandal, zumindest wurde er als solcher inszeniert: ein „Geheimplan“, ein „Masterplan“, eine angeblich unmittelbar bevorstehende Massenausweisung – und zwar nicht nur von Migranten ohne Aufenthaltsrecht, sondern, so die zentrale Behauptung, sogar von deutschen Staatsbürgern, wobei es der Dramaturgie zusätzlich in die Hände spielte, dass das betreffende Treffen ausgerechnet in Potsdam stattfand, sodass die geografische Nähe zur Wannseekonferenz die gewünschte historische Aufladung gleich mitlieferte, ohne dass man sie allzu deutlich aussprechen musste.
Deutschland reagierte entsprechend, oder genauer gesagt: Deutschland wurde in einen Zustand moralischer Alarmbereitschaft versetzt, in dem Medien berichteten, Politiker warnten und Menschen in großer Zahl auf die Straße gingen, weil sie überzeugt waren, hier sei eine Grenze überschritten worden, die man nicht unkommentiert lassen dürfe.
Und nun?
Nun stellt ein Gericht fest, dass die zentrale Behauptung, um die sich diese gesamte Erregung aufgebaut hatte, nicht der Wahrheit entspricht.
Was bleibt, ist daher nicht der Skandal selbst, sondern die Art und Weise, wie er erzeugt wurde.
Angst auf Bestellung
Wer verstehen will, wie moderne Empörungsdynamiken funktionieren, der muss sich diesen Vorgang in seiner ganzen Abfolge noch einmal in Ruhe vor Augen führen, denn er folgt einem Muster, das so schlicht ist, dass es fast schon elegant wirkt.
Am Anfang steht eine Geschichte, die mit maximaler Wirkung konstruiert wird, indem man nicht zwingend falsche Details erfindet, sondern vielmehr Andeutungen so platziert, dass sich beim Leser oder Zuschauer ein möglichst dramatisches Gesamtbild ergibt, in dem Begriffe wie „Geheimplan“ oder „Masterplan“ nicht erklärt, sondern lediglich angedeutet werden, damit sie im Kopf ihre volle Wirkung entfalten können.
Darauf folgt die Verstärkung durch scheinbar objektive Mittel, etwa durch Umfragen, deren Fragestellung die zuvor gesetzte These bereits als gegeben voraussetzt, sodass die Befragten nicht mehr darüber nachdenken, ob es diese Pläne überhaupt gibt, sondern lediglich darüber, wie sehr sie ihnen Angst machen.
Und schließlich entsteht aus dieser Kombination eine Schlagzeile, die weniger eine Realität beschreibt als vielmehr eine erzeugt, wenn nämlich aus einer suggestiven Befragung und einer fragwürdigen Ausgangsthese plötzlich die Gewissheit abgeleitet wird, „Millionen Deutsche“ hätten nun Angst vor etwas, das in dieser Form nie existiert hat.
Die Realität holt auf – leise, aber eindeutig
Mit zeitlichem Abstand und juristischer Nüchternheit wird nun festgestellt, was eigentlich von Anfang an erkennbar gewesen wäre, wenn man sich die Mühe gemacht hätte, die zentrale Behauptung kritisch zu prüfen, anstatt sie sofort in den Resonanzraum der öffentlichen Empörung zu tragen.
Der behauptete „Masterplan zur Ausweisung deutscher Staatsbürger“ hat nie existiert, weder als konkrete Planung noch als ernsthafte Diskussion, und selbst jene, die auf dem betreffenden Treffen gesprochen haben, haben – so die Feststellung des Gerichts – ausdrücklich darauf hingewiesen, dass eine zwangsweise Ausreise deutscher Staatsbürger rechtlich gar nicht möglich wäre.
Was also übrig bleibt, ist nicht eine missverstandene, sondern eine unbelegte Behauptung, die dennoch eine erstaunliche Karriere gemacht hat.
Die erstaunliche Geschlossenheit der Empörung
Bemerkenswert ist dabei weniger der Ursprung dieser Geschichte als vielmehr die Geschwindigkeit und Geschlossenheit, mit der sie von nahezu der gesamten medialen und politischen Landschaft aufgegriffen und weiterverbreitet wurde, als hätte es keinerlei Anlass zur Skepsis gegeben.
Innerhalb kürzester Zeit wurden historische Vergleiche bemüht, moralische Alarmbegriffe in Umlauf gebracht und ein Deutungsrahmen geschaffen, in dem jede Nachfrage bereits als problematisch erscheinen musste, weil sie vermeintlich relativierend wirkte.
Dass dabei Begriffe wie „Deportation“ oder „Vertreibung“ verwendet wurden, ohne dass die zugrunde liegende Behauptung überhaupt belastbar belegt war, sagt weniger über die Realität des beschriebenen Ereignisses aus als über die Bereitschaft, diese Realität unbedingt in ein bereits bestehendes Weltbild einzuordnen.
Die perfekte Symbiose
Besonders aufschlussreich wird der Vorgang, wenn man ihn nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil eines größeren Zusammenspiels zwischen verschiedenen Akteuren, die jeweils ihre Rolle nahezu reibungslos ausfüllen.
Eine NGO veröffentlicht eine zugespitzte Geschichte, große Medienhäuser greifen sie auf und verleihen ihr Reichweite, politische Akteure reagieren mit deutlichen Worten, und zivilgesellschaftliche Organisationen mobilisieren innerhalb kürzester Zeit Demonstrationen, die wiederum als Beleg für die gesellschaftliche Relevanz der ursprünglichen Behauptung dienen.
Auf diese Weise entsteht ein geschlossener Kreislauf, in dem sich Erzählung und Reaktion gegenseitig verstärken, während die Frage nach der faktischen Grundlage zunehmend in den Hintergrund tritt.
Wenn Kontrolle aussetzt
Unter journalistischen Gesichtspunkten ist dieser Vorgang deshalb so bemerkenswert, weil er zeigt, wie schnell grundlegende Prinzipien außer Kraft gesetzt werden können, wenn eine Geschichte emotional anschlussfähig ist und in ein bestehendes Deutungsmuster passt.
Der Impuls, zu prüfen, zu hinterfragen und Widersprüche offenzulegen, wird in solchen Momenten offenbar durch den Wunsch ersetzt, Teil der moralisch richtigen Erzählung zu sein, was dazu führt, dass die eigentliche Kontrollfunktion des Journalismus nicht nur geschwächt, sondern zeitweise vollständig aufgehoben wird.
Die Aufklärung erfolgt dann – wie so oft – nicht durch die breite Mehrheit, sondern durch einzelne Stimmen, die sich nicht mit der ersten Version zufriedengeben und bereit sind, gegen den Strom zu recherchieren.
Die langfristigen Folgen
Dass die zentrale Behauptung inzwischen juristisch als unwahr eingeordnet wurde, ändert wenig an den langfristigen Wirkungen dieser Episode, denn die einmal erzeugten Bilder und Begriffe verschwinden nicht einfach wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein. Sie prägen Debatten, verschieben Wahrnehmungen und tragen dazu bei, politische Positionen zu delegitimieren, ohne dass die Grundlage dieser Delegitimierung im Nachhinein noch einmal ernsthaft überprüft oder korrigiert würde.
Auf diese Weise entsteht eine Verzerrung, die nicht durch einzelne Fehler erklärbar ist, sondern durch ein strukturelles Problem im Umgang mit Information und Deutung.
Und die Aufarbeitung?
Auffällig ist schließlich die bemerkenswerte Zurückhaltung, mit der die Beteiligten auf die nun vorliegenden Feststellungen reagieren, denn eine umfassende Selbstkritik oder gar eine systematische Aufarbeitung des eigenen Vorgehens ist bislang kaum zu erkennen.
Dabei wäre genau dies notwendig, um Vertrauen zurückzugewinnen, das durch solche Vorgänge zwangsläufig beschädigt wird.
Eine Frage, die bleibt
Wenn ein einzelner Bericht ausreicht, um eine landesweite Empörungswelle auszulösen, politische Prozesse zu beeinflussen und das gesellschaftliche Klima nachhaltig zu prägen, obwohl seine zentrale Aussage nicht der Wahrheit entspricht, dann stellt sich unausweichlich die Frage, wer in einem solchen System eigentlich die Rolle des Korrektivs übernimmt – und ob diejenigen, die diese Rolle für sich beanspruchen, ihr auch tatsächlich gerecht werden.



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