Kein Leid ohne Sinn? - Der Karfreitag als Antwort ohne Erklärung

Es gehört zu den ältesten Fragen der Menschheit, und doch klingt sie jedes Mal, als wäre sie gerade erst erfunden worden: Wenn Gott gut ist, wenn er allmächtig ist – warum gibt es dann Leid?

Die Frage wird selten theoretisch gestellt. Meist steht sie im Raum, weil etwas geschehen ist. Weil ein Mensch krank ist, weil ein Verlust schmerzt, weil etwas zerbricht, das nicht hätte zerbrechen sollen. Manchmal ist es eigenes Leid, manchmal das Leid anderer. Und manchmal ist es einfach das stille Erschrecken darüber, wie viel Schmerz diese Welt bereithält.

Und fast immer schwingt ein zweiter Gedanke mit: Man würde ja glauben wollen – aber dieses Leid steht im Weg.

Die merkwürdige Richtung des Glaubens

Dabei fällt etwas auf, das zunächst widersprüchlich wirkt. Wenn Leid tatsächlich ein Argument gegen Gott wäre, dann müssten gerade die Orte des Leids die gottfernsten sein – und die Orte des Wohlstands die gläubigsten.

Man müsste erwarten, dass in Krankenhauskapellen Leere herrscht, während in den klimatisierten Ferienanlagen dieser Welt die Menschen über Gott sprechen. Doch die Erfahrung zeigt oft das Gegenteil: Gerade dort, wo Menschen an Grenzen stoßen, wo Sicherheiten wegbrechen und das eigene Leben nicht mehr selbstverständlich erscheint, wächst die Frage nach Gott – und mit ihr nicht selten auch die Sehnsucht nach ihm.

Vielleicht liegt darin ein Hinweis. Nicht als fertige Antwort, sondern als leise Irritation eines allzu einfachen Gedankens.

Ein falscher Maßstab

Die Theodizee-Frage setzt häufig unausgesprochen voraus, dass ein gutes Leben vor allem ein möglichst schmerzfreies Leben sei. Dass Glück in der Abwesenheit von Leid bestehe und dass ein liebender Gott genau das garantieren müsste.

Doch ist das wirklich der Maßstab?

Ein Leben ohne Schmerz, ohne Verlust, ohne Herausforderung wäre vielleicht bequem, aber wäre es auch sinnvoll? Würde ein solcher Zustand den Menschen wachsen lassen, ihn reifen lassen, ihn fähig machen zur Liebe, zur Hingabe, zur Verantwortung? Wäre es dann nicht besser wahnsinnig oder ständig zugedröhnt durchs Leben zu schweifen, um einen großen Bogen um jeglichen Schmerz zu machen? Tatsächlich ist es dieselbe narzisstische Logik, welche die Möglichkeit und Anbetungswürdigkeit Gottes von hiesiger Schmerzlosigkeit abhängig macht, welche Millionen Kinder schon im Mutterleib ermorden lässt, weil sie ja die Unbeschwertheit der »Mutter« stören könnten.

Oder würde er ihn eher in sich selbst einschließen?

Die biblische Tradition kennt diese Gefahr. Immer wieder wird davor gewarnt, dass Sattheit nicht nur den Körper betrifft, sondern auch die Seele. Dass der Mensch gerade dann vergisst, wonach er eigentlich suchen sollte.

„Als sie gute Weide hatten, wurden sie satt; und als sie satt geworden waren, überhob sich ihr Herz; darum haben sie mich vergessen.“ – Hosea 13,6

Leid als Grenze – und als Möglichkeit

Das bedeutet nicht, Leid zu verherrlichen. Leid ist und bleibt etwas, das uns erschüttert, das wir lindern sollen, wo immer wir können. Gerade darin liegt ein zutiefst christlicher Auftrag: dem Leid des Nächsten zu begegnen, es zu teilen, es, soweit es möglich ist, zu verringern.
Und doch bleibt die Beobachtung, dass Leid mehr ist als nur ein Störfaktor in einem ansonsten reibungslos gedachten Leben. Es kann eine Grenze markieren – und zugleich einen Punkt, an dem sich etwas öffnet.

Nicht jeder Schmerz führt zu Gott. Aber viele Wege zu Gott führen durch Erfahrungen, in denen der Mensch merkt, dass er sich selbst nicht genügt.

Der Karfreitag als Antwort ohne Erklärung

Der christliche Glaube beantwortet die Frage nach dem Leid nicht zuerst mit einer Theorie, sondern mit einer Geschichte. Mit dem Karfreitag.

Es ist die Geschichte eines unschuldigen Leidens, das nicht erklärt, sondern durchlitten wird. Die Geschichte eines Gottessohnes, der nicht über dem Schmerz steht, sondern ihn teilt – bis hinein in die Erfahrung der Verlassenheit.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – Matthäus 27,46

Dieser Satz ist keine Auflösung der Theodizee. Er ist ihr tiefster Ausdruck. Und zugleich verweist er über sich hinaus, auf etwas, das erst im Licht der Auferstehung sichtbar wird: dass Leid nicht das letzte Wort behält.

Jeder der Zuhörer kannte den Psalm und wusste, welche Wendung er nimmt, was der Gekreuzigte ihnen in seinem Schmerz zurief. Dieser Psalm beschreibt auch die Freude nach den Tränen:

"Die Elenden sollen essen, daß sie satt werden, und die da suchen den HERRN, sollen ihn preisen: aufleben soll euer Herz für immer!" – Psalm 22:27

Eine Verheißung

Am Ende steht keine Theorie, sondern eine Verheißung. Keine Erklärung des Leids, sondern seine Überwindung. 

„Er wird alle Tränen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz.“ – Offenbarung 21,4

Das ist kein Zustand, den wir hier herstellen könnten. Es ist ein Ziel, auf das wir hoffend zusteuern – und das unserem Handeln Richtung gibt. Jesus hat all diesen Schmerz getragen, weil er wusste, dass Endziel unserer gemeinsamen Reise mit ihm ein großartiges ist.

Bis dahin bleibt uns aufgetragen, nicht wegzusehen, nicht zu verharmlosen und nicht zynisch zu werden, sondern das zu tun, was möglich ist: mitzuleiden, zu helfen, einander beizustehen.

Mit den Weinenden weinen

Vielleicht liegt darin die schlichteste und zugleich tiefste Antwort: dass wir das Leid nicht auflösen können, aber dass wir ihm nicht gleichgültig begegnen müssen.

„Freuet euch mit den Fröhlichen und weinet mit den Weinenden.“ – Römer 12,15

Es ist ein Satz ohne Pathos, aber mit großer Wahrheit. Denn solange es Leid gibt, gehört es zur Ordnung der Dinge, dass wir es teilen. 

Und vielleicht ist genau darin – im gemeinsamen Tragen, im Nicht-Allein-Sein – bereits ein erster Widerschein jener Welt, in der keine Trauer und kein Schmerz mehr sein werden.



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