Sind alle Kulturen gleich? Oder: Warum eine scheinbar harmlose Frage den Nerv unserer Zeit trifft
Es ist eine dieser Fragen, bei denen man heute besser kurz innehält, bevor man antwortet. Nicht, weil sie schwer wäre. Sondern weil die erwartete Antwort längst feststeht.
Natürlich sind alle Kulturen gleich. Alles andere wäre ja… problematisch. Doch genau hier beginnt das eigentliche Problem.
Der schöne Schein der Vielfalt
Der moderne Westen liebt die Idee des Multikulturalismus. Vielfalt wird gefeiert, Unterschiede werden ästhetisiert: fremde Küchen, bunte Kleidung, exotische Feste. Doch diese Form der Begeisterung bleibt auffällig oft an der Oberfläche. Kultur wird zur Folklore reduziert – zu etwas, das man konsumieren, aber nicht ernst nehmen muss. Denn würde man Kultur wirklich ernst nehmen, müsste man zugeben: Kulturen unterscheiden sich nicht nur im Geschmack von Gewürzen, sondern in ihrem Verständnis von Wahrheit, Moral und Wirklichkeit.
Und genau das möchte man heute lieber nicht hören.
Kultur ist Weltanschauung
Kultur ist kein Beiwerk. Sie ist kein Dekor. Sie ist ein vollständiges Deutungssystem. Sie beantwortet die großen Fragen: Was ist gut? Was ist böse? Was ist der Mensch? Was schulden wir einander?
Hilaire Belloc formulierte es nüchtern: Kulturen entstehen aus Religionen. Und wenn die religiöse Grundlage erodiert, zerfällt auch die Kultur.
T.S. Eliot ging noch weiter: Kultur und Religion sind nicht zwei Dinge – sie sind zwei Perspektiven auf dieselbe Wirklichkeit.
Wer also von Kultur spricht, spricht immer auch von Wahrheit. Oder von dem, was eine Gesellschaft dafür hält.
Die verdrängten Wurzeln des Westens
Gerade der Westen tut sich schwer mit dieser Einsicht. Er hält seine Werte für universell – für selbstverständlich. Menschenwürde, Freiheit, Gleichberechtigung. Das alles scheint so offensichtlich richtig, dass man gar nicht mehr fragt, woher es eigentlich kommt. Doch diese Werte sind nicht vom Himmel gefallen. Sie sind gewachsen. Und zwar aus einem ganz bestimmten Boden: dem christlichen Denken. Über Jahrhunderte hinweg hat das Christentum das westliche Verständnis vom Menschen geprägt. Die Idee, dass jeder Mensch eine unveräußerliche Würde besitzt, ist kein anthropologischer Zufall. Sie ist ein theologisches Erbe.
Heute möchte man dieses Erbe gerne behalten – aber seinen Ursprung vergessen. Ein bemerkenswertes Unterfangen.
Der Irrtum des „aufgeklärten“ Menschen
Der moderne, säkulare Mensch sieht sich gerne als Endpunkt dieser Entwicklung. Endlich frei von religiösen Altlasten, endlich nur noch der Vernunft verpflichtet. Religion? Kultur? Alles historische Übergangsphasen. Am Ende, so die implizite Annahme, werden alle Menschen so denken wie wir.Doch dieser Gedanke ist weniger aufgeklärt als vielmehr naiv.
Er übersieht, dass Menschen nicht außerhalb ihrer kulturellen Prägung existieren. Dass Weltbilder nicht einfach abgelegt werden wie ein alter Mantel. Und dass andere Kulturen nicht darauf warten, endlich „so zu werden wie wir“.
Multikulturalismus als Relativismus
Hier zeigt sich die eigentliche Sprengkraft des Multikulturalismus. Denn wenn alle Kulturen gleich sind, dann ist keine mehr wahr als die andere. Dann gibt es keinen Maßstab mehr, keine verbindliche Ordnung, keinen gemeinsamen Nenner.
Alles wird relativ. Was in der einen Kultur als Unrecht gilt, ist in der anderen Tradition. Was hier als Fortschritt gefeiert wird, gilt dort als Verfall. Und plötzlich steht man vor der unbequemen Frage: Nach welchem Maßstab urteilen wir eigentlich noch?
Der unvermeidliche Konflikt
Der Zusammenstoß unterschiedlicher Kulturen ist kein Betriebsunfall. Er ist die logische Folge unterschiedlicher Weltanschauungen. T.S. Eliot formulierte es unmissverständlich: Gegensätzliche Religionen bedeuten gegensätzliche Kulturen. Und letztlich lassen sie sich nicht einfach miteinander versöhnen.
Das zeigt sich besonders im Umgang mit dem Islam und Muslimen, die in diesem neuen Paradigma als „angehende Westler“ betrachtet werden. Was auch immer ein Muslim sagt — tief im Inneren schätze er sicher „Säkularismus“ und erkenne die Notwendigkeit an, den Islam privat zu praktizieren, Religionsfreiheit zu respektieren, Gleichberechtigung zu befürworten und so weiter.
So wird der Muslim „nach unserem Bild“ geformt — wobei wir natürlich die Wurzeln „unseres Bildes“ vergessen.
In Wirklichkeit hat der Muslim seine eigene, eigenständige und jahrhundertealte Weltanschauung und seine eigenen Prinzipien — seine eigene Kultur —, die wiederum Verhaltensweisen hervorbringen, die aus westlicher Sicht als „radikal“ gelten (wobei diese westlichen Maßstäbe fälschlicherweise als „universell“ angenommen werden).
Wie T.S. Eliot schrieb: „Letztlich müssen gegensätzliche Religionen gegensätzliche Kulturen bedeuten; und letztlich können Religionen nicht miteinander in Einklang gebracht werden.“
Ein im Kern christliches Weltbild als „universell“ darzustellen und dann auf eine fremde Kultur wie den Islam anzuwenden, ist zum Scheitern verurteilt. Die Vorstellung, Muslime könnten ihrer Religion treu bleiben und sich dennoch selbstverständlich in die westliche Gesellschaft einfügen, ist falsch und beruht auf einer ebenso falschen Annahme: dass auch das Christentum sich erst an eine säkulare Gesellschaft habe anpassen müssen. Tatsächlich waren christliche Prinzipien, die dem Islam fremd sind, grundlegend für die Entstehung des Westens.
Was bedeutet das also für den „Multikulturalismus“ — jenes Konzept, das der Westen angeblich weiterhin feiern und vorbehaltlos annehmen soll? Das bedeutet nicht, dass Zusammenleben unmöglich ist. Aber es bedeutet, dass es nicht konfliktfrei ist.
Und vor allem bedeutet es, dass man Konflikte nicht dadurch löst, dass man ihre Existenz leugnet.
Was Gesellschaft wirklich zusammenhält
Eine Gesellschaft wird nicht durch Vielfalt zusammengehalten. Sie wird durch Gemeinsamkeit stabil. Nicht gemeinsame Herkunft ist entscheidend, sondern ein gemeinsames Verständnis von richtig und falsch. Von Wahrheit und Irrtum. Von Freiheit und Verantwortung.
Eine Gesellschaft kann ethnisch bunt sein – und dennoch stabil, wenn sie kulturell geeint ist.
Sie kann aber auch äußerlich homogen sein und innerlich zerbrechen, wenn diese gemeinsame Grundlage fehlt.
Fazit: Die unbequeme Wahrheit
Sind also alle Kulturen gleich? Die ehrliche Antwort lautet: Nein.
Nicht, weil Menschen unterschiedlich wertvoll wären. Sondern weil Kulturen unterschiedliche Antworten auf die Frage nach Wahrheit geben.
Und Wahrheit lässt sich nicht relativieren, ohne sie aufzugeben.
Der moderne Westen versucht genau das: Er will seine Werte bewahren, ohne ihre Wurzeln anzuerkennen. Er will Vielfalt feiern, ohne die Unterschiede ernst zu nehmen.
Doch auf Dauer funktioniert das nicht. Denn wer alles für gleich erklärt, hat am Ende nichts mehr, woran er festhalten kann.
Kurz gesagt: Es ist für eine Gesellschaft durchaus gut, wenn ihre Bürger unterschiedlichen ethnischen Gruppen angehören — aber nur, wenn sie dieselbe Weltanschauung, dieselben Prioritäten, dieselben ethischen Maßstäbe, dasselbe Verständnis von richtig und falsch teilen — kurz: dieselbe Kultur.


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