Im Dunkel – und doch nicht ohne Licht
Wohl in keinem anderen Land der Welt ist die Kontrolle durch den Staat so umfassend wie in Nordkorea. Das Regime bestimmt das Leben seiner Untertanen bis ins kleinste Detail. Ungehorsam wird brutal bestraft. Die Führung schottet die Bürger vollkommen von der Außenwelt ab, hält sie gefangen in einer Welt aus Lüge und Täuschung.
Seit Jahrzehnten leidet die Bevölkerung Nordkoreas unter Mangel und Hunger. Doch durch Abschottung, Indoktrinierung und Überwachung konnten der Staatsgründer Kim Il Sung und seine Nachfolger, sein Sohn Kim Jong Il und sein Enkel Kim Jong Un, bis heute ihre Macht erhalten. Das Regime verlangt nicht nur bedingungslosen Gehorsam, sondern Liebe und Anbetung.
Und mitten darin: Christen. Menschen, die Jesus nachfolgen – still, verborgen, gefährdet. Menschen, deren Glaube nicht laut sein darf, weil Lautsein dort lebensgefährlich ist.
In den Medien wird über Nordkorea meist als Bedrohung für andere Länder berichtet.
Wie ist es, in diesem Land zu leben?
Alltag, Mangel und Zwang
Stellt es euch einmal vor: Ihr wacht in Nordkorea auf. Die Luft ist drückend und schwül von den sommerlichen Regenfällen. Es ist unangenehm, aber das ist nicht eure Hauptsorge. Heute wird von euch erwartet, dass ihr euch freiwillig zur Reisernte meldet. Bezahlt wird eure Arbeit nicht. Das Werkzeug müsst ihr euch selbst mitbringen.
Während ihr euch auf den Feldern abplagt, schallt Propaganda aus den Lautsprechern. Pausenlos hört ihr, wie die angebliche Liebe des Führers gepriesen wird. Nach einem langen Arbeitstag bleibt ihr noch mit euren Arbeitskollegen zusammen, um das neue Lied zu lernen: „Freundlicher Vater“.
"Warmherzig wie deine Mutter, wohlwollend wie dein Vater
hält er zehn Millionen Kinder in seinen Armen
und sorgt für uns, von ganzem Herzen.
Lasst uns singen von Kim Jong Un, unserem großen Führer."
Während ihr singt, knurrt euer Magen. Die dauerhafte Unterernährung zehrt an euch. Ihr betet um Kraft – doch ihr betet nicht zum „großen Führer“, sondern zu eurem himmlischen Vater. Und ihr betet nur in Gedanken – es wäre lebensgefährlich, die Worte auszusprechen.
Um euch herum seht ihr die anderen Arbeiter. Ihre Gesichter drücken Hingabe an den Führer aus. Aber ihr kennt ihre wahren Gedanken. Keiner glaubt auch nur ein Wort dieses Liedes. Jeder konzentriert sich einfach nur darauf, den Tag zu überleben.
Hunger und Propaganda
„Das Leben in Nordkorea wird immer schwieriger“, sagt Simon Lee, der den Dienst von Open Doors für nordkoreanische Christen koordiniert. „Die Nachrichten, die wir von den Christen erhalten, zeigen, dass sich die Bedingungen verschlimmert haben. Die Nahrungsmittelknappheit ist ernst, und viele kämpfen einfach nur ums Überleben. Die Christen versuchen, einander zu helfen, aber es gibt kaum etwas zum Verteilen.“
Ein Untergrundchrist teilte Simon Lee mit: „Nichts ändert sich. Viele Menschen haben jede Hoffnung verloren. Sie haben nichts zu essen und hungern. Manche suchen in den Bergen nach essbaren Pflanzen und machen mit Maismehl eine Suppe daraus.“ Viele kommen allerdings mit leeren Händen zurück, weil andere schon das Gebiet abgesucht haben. Zugleich steigen die Preise weiter stark an infolge von Mangel, Korruption der Regierung und zunehmender Kontrolle.
Zudem berichtete der Christ von einer noch stärker geforderten Verehrung des Diktators Kim Jong Un. „Auf jedem Bauernhof, in jeder Firma, in jeder Fabrik werden die Leute verpflichtet, täglich das Lied ‚Freundlicher Vater‘ zu üben. Es wird in jede Ecke des Landes verbreitet und in Radio und Fernsehen ausgestrahlt. Jeder fühlt sich unwohl dabei, dieses Lied zu singen, aber niemand wagt es, seine Gedanken auszusprechen. Es ist einfach zu gefährlich. Manche lachen sogar innerlich darüber und weisen den Gedanken zurück, Kim Jong Un sei wie ein Gott. Das Lied preist ihn als besten Vater unserer Nation und behauptet, unsere Familien seien die glücklichsten der Welt. Aber wir kennen die Wahrheit. Viele Kinder und alte Menschen verhungern.“
Die Regierung bietet keine Hilfe an. „Sie betonen nur die Eigenständigkeit“, sagte er. Eigenständigkeit ist das Kernprinzip der nordkoreanischen Juche-Ideologie, die besagt, dass jeder gute Bürger in der Lage sein sollte, für sich und die Nation zu sorgen. „Die Menschen sind verbittert, aber zeigen es nicht.“
Inmitten der Entbehrungen, Überwachung und Kontrolle leben Menschen, die heimlich Jesus Christus nachfolgen. Wenn sie entdeckt werden, drohen ihnen Folter und Tod. „Wir haben den Glauben von unseren Vorfahren übernommen, die nach Königin Esthers Bekenntnis lebten: ‚Komme ich um, so komme ich um.‘“, sagte der Untergrundchrist. „Wir danken euch, dass ihr an unserer Seite steht!“
"Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit"
Man kann Nordkorea als geopolitisches Problem betrachten. Man kann es als Nachricht lesen und wieder weglegen.
Oder man lässt es an sich heran – als Erinnerung daran, dass Licht nicht dort beginnt, wo es gemütlich ist, sondern dort, wo Menschen im Dunkeln trotzdem Gott „Vater“ nennen.
Wenn unsere Geschwister dort nur im Gedanken beten können, dann dürfen wir hier nicht verstummen. Nicht aus Empörung. Sondern aus Treue.



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