Toxische Männlichkeit unerwünscht!
Es gibt Werbespots, die altern schlecht. Sie wirken geschniegelt, künstlich oder unfreiwillig komisch, weil sie das Lebensgefühl einer vergangenen Epoche konserviert haben. Und dann gibt es jene seltenen Aufnahmen, die nicht deshalb berühren, weil sie besonders kunstvoll wären, sondern weil sie eine Welt zeigen, die uns heute beinahe fremd geworden ist – nicht, weil sie so lange zurückliegt, sondern weil wir uns so weit von ihr entfernt haben.
Genau das geschieht derzeit mit einem alten Werbespot von Gillette aus den 1980er-Jahren. Eine knappe Minute genügt, um Millionen Menschen eine merkwürdige Mischung aus Wehmut und Irritation zu entlocken. Man sieht Männer, die arbeiten, Sport treiben, Verantwortung übernehmen, heiraten, Kinder bekommen und ihren Söhnen die erste Rasur beibringen. Man sieht Frauen, die ihre Männer bewundern, Familien, die sich aufeinander verlassen, und Väter, die ihren Kindern Vorbilder sind. Nichts daran ist spektakulär, nichts provokant, nichts politisch – und vielleicht liegt genau darin heute seine größte Provokation.
Die Kommentare unter dem Video lauten erstaunlich oft sinngemäß: „Heute würde dieser Werbespot wahrscheinlich als rechtsextrem gelten.“
Rechtsextrem ist heute ja sowieso alles, was sich außerhalb des politisch Gewünschten abspielt. Ein ähnliches Muster ließ sich bereits zu Beginn der Corona-Pandemie beobachten. Als die ersten Warnungen vor dem neuartigen Virus aus China aufkamen, galten sie vielerorts als überzogen, als Panikmache oder gar als Ausdruck fremdenfeindlicher Ressentiments, weil jede kritische Auseinandersetzung mit dem Ursprung des Virus sofort den Verdacht des Rassismus hervorrief, das Virus kam schließlich aus China. Wenig später schlug das gesellschaftliche Klima jedoch vollständig um: Nun galt nicht mehr derjenige als verantwortungslos, der vor einer Überreaktion warnte, sondern jener, der die weitreichenden staatlichen Eingriffe, Freiheitseinschränkungen und den permanenten Ausnahmezustand kritisch hinterfragte. Innerhalb weniger Wochen hatten sich die Rollen vertauscht – nicht aufgrund neuer moralischer Maßstäbe, sondern weil sich die politische Erzählung verändert hatte.
Man muss den Kommentar unter dem Video nicht wörtlich nehmen, um seinen Kern zu verstehen. Gemeint ist weniger eine juristische Einordnung als das diffuse Gefühl, dass Werte, die vor wenigen Jahrzehnten als selbstverständlich galten, inzwischen unter Generalverdacht stehen. Der ehrgeizige Familienvater, der Verantwortung übernimmt, seine Familie versorgt, körperlich und geistig leistungsfähig sein möchte und seinen Kindern Orientierung gibt, erscheint heute vielen nicht mehr als Ideal, sondern als Problem.
Vielleicht erklärt gerade das, weshalb ein Werbespot aus den Achtzigern heute beinahe nostalgisch wirkt. Nicht die Frisuren oder die Autos sind es, die wie Relikte aus einer anderen Zeit erscheinen, sondern das Menschenbild, das darin mitschwingt. Es war selbstverständlich, dass Männer Männer sein wollten, ohne sich dafür entschuldigen zu müssen, und ebenso selbstverständlich, dass Frauen diese Männlichkeit nicht als Bedrohung, sondern als Stärke empfanden. Erfolg, Disziplin, Verantwortungsbewusstsein, Mut und Fürsorge galten nicht als Gegensätze, sondern als Eigenschaften desselben Mannes.
Heute begegnet uns dagegen häufig ein völlig anderes Ideal. Der traditionelle Mann soll sich weniger führen als begleiten, weniger schützen als reflektieren, weniger gestalten als moderieren. Bisweilen entsteht der Eindruck, als habe unsere Kultur beschlossen, den klassischen Mann nur noch unter Vorbehalt zu dulden. Seine Stärke soll relativiert, seine Führungsrolle dekonstruiert und sein Selbstverständnis fortwährend hinterfragt werden. Der weiße Mann darf im Ukraine Krieg sein Leben lassen, sich am besten zur Frau umoperieren lassen und danach zur nächsten Demo gegen Rechts gehen.
Eigenschaften, die Generationen lang als Tugenden galten, werden unter Begriffen wie „toxische Männlichkeit“ zusammengefasst und nicht selten so behandelt, als seien sie die eigentliche Ursache gesellschaftlicher Missstände. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass genau diese Tugenden – Pflichtbewusstsein, Opferbereitschaft, Verantwortungsgefühl und der Wille, die eigene Familie zu schützen – jene Fundamente bildeten, auf denen unsere Gesellschaft überhaupt erst entstehen konnte. Was über Jahrhunderte als erstrebenswert galt, wird heute häufig nur noch unter Rechtfertigungsvorbehalt akzeptiert.
Natürlich war früher nicht alles besser. Die Achtziger waren keine heile Welt, und jede Generation kennt ihre eigenen Irrtümer und blinden Flecken. Dennoch lohnt sich die Frage, warum ausgerechnet das klassische Ideal verantwortlicher Männlichkeit heute so häufig problematisiert wird, während gleichzeitig immer mehr Jungen ohne präsente Väter aufwachsen, immer mehr Männer orientierungslos erscheinen und immer weniger junge Menschen den Wunsch verspüren, selbst Verantwortung für Familie oder Gemeinschaft zu übernehmen.
Vielleicht liegt darin eine der größten Ironien unserer Zeit. Während Politik und Medien unablässig über Einsamkeit, psychische Erkrankungen, sinkende Geburtenzahlen und gesellschaftlichen Zusammenhalt diskutieren, wird jenes Rollenbild systematisch demontiert, das über Jahrhunderte hinweg Stabilität, Verlässlichkeit und Bindung gestiftet hat. Wer den Mann dauerhaft auf seine möglichen Fehlentwicklungen reduziert, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann immer weniger Männer bereit sind, überhaupt noch Verantwortung zu übernehmen.
Besonders bemerkenswert ist dabei die Entwicklung desselben Unternehmens, dessen alter Werbespot heute wieder millionenfach geteilt wird. Nur wenige Jahrzehnte später veröffentlichte Gillette eine Kampagne gegen die sogenannte „toxische Männlichkeit“, in der der klassische Mann nicht mehr Vorbild, sondern Problem war. Der fürsorgliche Vater wurde durch den potenziellen Täter ersetzt, der ehrgeizige Mann durch den privilegierten Unterdrücker, und wer früher als positives Rollenmodell galt, musste sich nun zunächst selbst kritisch hinterfragen, bevor er überhaupt noch gesellschaftliche Anerkennung erwarten durfte.
Vielleicht erklärt gerade dieser Kontrast die starke Resonanz des alten Werbespots. Die Menschen sehnen sich weniger nach den Achtzigern zurück als nach einem Menschenbild, das Orientierung bot. Sie vermissen nicht VHS-Kassetten oder Schulterpolster, sondern eine Zeit, in der Männlichkeit nicht ständig unter Rechtfertigungsdruck stand und Vaterschaft nicht als Auslaufmodell behandelt wurde.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob früher alles besser war, sondern weshalb wir ausgerechnet jene Tugenden aufgegeben haben, die über Jahrhunderte hinweg Familien zusammenhielten und Gesellschaften tragfähig machten. Vielleicht müssen wir tatsächlich weiter zurückblicken als bis in die Achtziger oder Neunziger, vielleicht sogar vor die kulturellen Umbrüche der späten Sechzigerjahre, um wiederzuentdecken, was Männlichkeit ursprünglich bedeutete: nicht Herrschaft, sondern Verantwortung; nicht Rücksichtslosigkeit, sondern Opferbereitschaft; nicht Macht um ihrer selbst willen, sondern die Bereitschaft, sich für andere einzusetzen.
Denn ein Mann wird nicht dadurch groß, dass er laut ist oder dominant auftritt. Er wird groß, indem Menschen sich auf ihn verlassen können. Genau dieses Ideal scheint heute zunehmend unerwünscht zu sein – und vielleicht erklärt gerade das, weshalb ein alter Werbespot heute mehr über unsere Gegenwart erzählt als viele politische Reden.



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